Zum internen Arbeitspapier „Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen“ (108 S., über 70 Einzelvorschläge, Volumen > 8,6 Mrd. €).
Ein System am Limit
• Kinder- und Jugendhilfe sowie Eingliederungshilfe sind schon heute durch Fachkräftemangel strukturell überlastet — 60 % der
Stellen in der EGH bleiben länger als sechs Monate unbesetzt.
• Schulbegleitung hat sich seit 2012 nahezu vervierfacht — Symptom eines überforderten Regelschulsystems, nicht Ursache.
• Kürzungen von 8,6 Mrd. € senden das falsche Signal an Fachkräfte, Pflegeeltern und Nachwuchs.
Junge Volljährige besonders gefährdet
• Durchschnittliches Auszugsalter in Deutschland: 23,9 Jahre — ausgerechnet Care Leavern soll mit 18 volle Selbstständigkeit
zugemutet werden.
• Die faktische Streichung der Nachbetreuung (§ 41a SGB VIII) entwertet langjährige Investitionen in Stabilisierung und Therapie.
• Über 91 % der Pflegekinder berichten von mindestens einem Trauma, rund 65 % sind klinisch auffällig belastet — sie brauchen mehr
Zeit, nicht weniger.
• Folgekosten (SGB II, Wohnungslosenhilfe, Akutpsychiatrie) übersteigen die vermeintliche Einsparung.
Spezialwissen & frühe Diagnostik als Hebel
• Trauma, Bindungsstörungen, Neurodivergenz und FASD werden ohne Fachwissen als „Erziehungsproblem“ fehlgedeutet — mit
Folgen für Hilfeplanung und Kinderschutz.
• Verpflichtende Basisqualifikation für Jugendämter, stationäre Hilfen, Schulbegleitung, Familiengerichte und Pflegefamilien —
finanziert, nicht als Hürde.
• Niedersachsen als Referenzland: Kompetenznetz Pflege- und Adoptivkinder mit diagnostischen Anlaufstellen und verbindlicher
Fallberatung.
Pflege- und Adoptivfamilien als eigenständige Säule
• Vollzeitpflege (§ 33 SGB VIII) ist kindeswohlorientiert und kostengünstig — sie ist strukturell unterfinanziert, nicht überfinanziert.
• Pflegegeld deckt den materiellen Aufwand — nicht die Erziehungsleistung rund um die Uhr. Alterssicherung von Pflegepersonen
gehört auf die Agenda.
• Kampagne „Zeit, die prägt“ braucht Planungssicherheit — sonst schreckt schon die Kürzungsdebatte Bewerber:innen ab.
Was wir fordern
• Fachkräftesicherung vor Leistungskürzung — solange Stellen unbesetzt bleiben, sind Kürzungen fachlich sinnlos.
• Schule schrittweise stärken, statt Schulbegleitung pauschal zu poolen oder zu streichen.
• Übergang in Eigenständigkeit erhalten — §§ 41, 41a SGB VIII in ihrer Substanz sichern, Rückkehrmöglichkeiten öffnen.
• Transparente Fachanhörungen mit Selbstvertretung, Pflegeeltern-, Care-Leaver- und Behindertenverbänden — keine Hinterzimmer
Papiere.
Wirksame Jugend- und Eingliederungshilfe ist keine konsumtive Ausgabe — sie ist eine Investition in Menschen, deren Langzeitrendite sich
in gelungenen Biografien und gesellschaftlicher Teilhabe bemisst.


